|
In der Falle der Welt Milan Kundera 70.
Im Morgengrauen des 21. August 1968 stand rufend eine Frau vor Milan Kunderas Haustür. Der Dichter, in ganz Böhmen als Libertin bekannt, blickte zu seiner Ehefrau hinüber
und fragte sich beunruhigt, welche von seinen zahlreichen Freundinnen diesen Radau veranstalte. Schließlich wachte seine Frau auf und ließ sich nicht davon abhalten, die Tür zu öffnen. „Als ich sehe, dass die
Katastrophe nicht mehr abzuwenden ist, verziehe ich mich ins Bad. Alena kommt zurück, blass. Prag ist besetzt, sagt sie, auf dem Wenzelsplatz stehen sowjetische Panzer. — Junge, wenn du wüsstest, was da in mir vorging:
War ich froh, als es nur die Panzer waren.“Diese Anekdote findet sich in Reiner Kunzes Prosasammlung „Die wunderbaren Jahre“, und sie ist authentisch. Milan Kundera, seit 1975 in Frankreich lebend, erzählt
sie heute noch gern; Reminiszenz an ein früheres Leben. Kundera, der junge, vom Sozialismus begeisterte Dozent an der Prager Filmhochschule. Kundera, der bereits 1960 — da ist er 31 Jahre alt —einen Essay über die
„Kunst des Romans“ vorlegt, selbst aber Iiterarisch noch kaum hervorgetreten ist. Doch bereits die „Hefte der lächerlichen Liebe“ schlagen dann den Ton an, dem Kundera nun zeit seines Lebens folgen wird:
spielerische Melancholie, die Erschaffung von Gestalten aus einer Geste, einer These heraus, Fabel und philosophische Reflexion. Und immer die Erotik. „Wenn ich mich selbst definieren müsste, würde ich sagen, ich sei
ein in der Falle einer extrem politisierten Welt gefangener Hedonist.“ In „Der Scherz“, Kunderas erstem, 1967 in Prag erschienenem Roman, wird genau dies dem jungen Ludvik zum Verhängnis: Er schickt
seiner hübschen Freundin eine Postkarte mit einem Trotzki-Zitat und wird deshalb von der Universität relegiert und anschließend zur Strafarbeit in die Kohlegruben geschickt. Ein Jahr später wird das ganze tschechische
Volk dorthin verfrachtet, und Kundera kommt auf die schwarze Liste. In dieser Zeit schreibt er mit „Abschiedswalzer“ seinen wohl poetischsten Roman, der anhand von diversen Paarbeziehungen bereits alle
Nuancen des Abschieds, des Exils durchspielt. Aber auch hier die Weigerung, sich durch das Politische determinieren zu lassen, das Insistieren auf persönliches Glück. In Dissidentenkreisen hat Kundera dies
häufig den Tadel des Snobismus eingebracht. Dabei ist es, höhere Ironie der Geschichte, gerade Milan Kundera, der weltweit zu einem der berühmtesten tschechischen Schriftsteller geworden ist. Was würde der normale
westliche Leser vom Prager Frühling, von der Tragödie des sowjetisch besetzten Mitteleuropa wissen, gäbe es nicht Teresa und Tomas und Sabina, die von Land zu Land, von Liebe zu Liebe reisen und dabei über die
„Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ sinnieren? Erst mit diesem 1984 erschienenen Buch wurde Milan Kundera auch hierzulande richtig wahrgenommen. Doch sowenig Kunderas Romane in die Sparte östliche
Dissidentenliteratur passen, sowenig haben sie auch gemeinsam mit rein privatistischen Überdruss-Grübeleien. Liebe und Erotik müssen sich in ihnen immer wieder aufs neue behaupten - gegen die puritanische Rigidität
der kommunistischen Utopie wie auch gegen westlichen Ennui. Quelle: Mirko Martin in „Die Welt“ vom 1.4.1999 |